Auszüge aus einem Rundbrief von Jens Magerl, Wendland
Sonntag, 11. November 2001
Endlich waren all die Leute von WiderSetzen eingetroffen, auf die wir noch gewartet hatten. Unser öffentlich erklärtes Ziel war es, uns auf der Castorstraße niederzulassen und dort so lange wie möglich zu bleiben. Natürlich hatte sich die Polizei darauf vorbereitet.
Die Transportstrecke um Splietau war mit Polizeifahrzeugen und Wasserwerfern gesäumt. Auf direktem Wege gab es kein Durchkommen. Nur Wald und Wiese waren noch gangbar. Wir vereinbarten, die schon im März erfolgreich erprobte "Fingertechnik" anzuwenden. Das bedeutet, wir würden uns geschlossen auf den Weg machen (=geschlossene Hand). Sollte uns eine Polizeisperre am Weitergehen hindern -und das stand zu erwarten- würden wir die Hand aufspreizen und die Polizei umfließen. Das klingt verblüffend einfach. Man muß es erlebt haben, um zu glauben, daß es wirklich funktioniert.
Endlich kam das Signal zum Aufbruch. Die meisten schwiegen, manche suchten Kraft in einem Lied. Es war feierlich ernst. So kamen wir durch den Wald, so zogen wir über den Deich. Unten erwarteten uns schon die Polizeiketten. Coole Profis mit steinernen Gesichtern und schwarzen Knüppeln in den Händen. Noch weiter unten, an der Straße, blitzten die Blaulichter und formierten sich die Hundertschaften. Diese Straße galt es zu überqueren.
Dahinter noch ein hundert Meter breites Feld. Danach würden wir auf die Front der Wasserwerfer stoßen. Und dann, dann erst würden wir auf die Castorstrecke gelangen. Wir standen vor einem "Y", dessen Asphalt-Arme kurz vor dem Dörfchen Splietau zusammenwuchsen.
Zum Glück fehlte uns die Zeit, um Angst zu haben. Unsere "Hand" hatte sich bereits gespreizt. Ab jetzt ging alles nur noch im Laufschritt.
Auch die Polizeikette fächerte sich auseinander. Tatsächlich dauerte es nur ein paar Japser und ein paar Jauchzer, bis wir durch die Absperrung hindurchgeflossen waren. Trotz einigen Zauderns gelangte unser "blauer Finger" unbehelligt auf den vorderen Teil des Straßen-Ypsilons.
Aber dann ging uns der Mut aus. Denn auf dem Feld (zwischen den Y-Straßen) wartete berittene Polizei. Mit erhobenem Knüppel. Jetzt weiß ich, was der Ausdruck "hoch zu Roß" bedeutet. Es ist ein unvergeßliches Bild.
Doch statt der Angst saß jetzt ein trotziger Galgenhumor in meinem Herzen. Ich schlängelte mich durch die Reiterei hindurch und stand auf dem Feld. Es war möglich. Aber ich war fast allein. Es waren zu wenige, denen Ähnliches glückte. Die Einschüchterung hatte gewirkt. Ich kehrte also zur Straße zurück und wir benutzten den Asphalt als Sofa. Wir setzten uns. Und wir schauten uns um. Das Ergebnis war nicht schlecht für eine erste Übung.
Alle "Finger" hatten die vordere Straße erreicht und sich niedergelassen. Die "Grünen" standen sogar mitten auf dem Feld, dicht vor der Transportstrecke. Aber fünf einzelne Finger ergeben noch lange keine Hand.
Zwischen den einzelnen "Fingern" hatten sich Polizeiketten aufgepflanzt, um uns voneinander zu trennen. Wir zogen uns also zwanzig Meter zurück und vereinigten uns dort wieder zu einer vollständigen Hand. Die Polizei war zufrieden, daß wir die Straße freiwillig geräumt hatten. Wir waren froh, endlich wieder beisammen zu sein.
Der Rat fand sich zusammen. Einhellig waren wir unzufrieden mit unserer jetzigen Position. Wir wollten nicht neben einer Nebenstraße stehen, sondern auf der Hauptstraße sitzen. Da gab es eigentlich nur eins: Bewegung.
Einige hundert Meter in Richtung Splietau mündete unsere Nebenstraße in die Transportstrecke. Die ganze Straße war von Polizisten umsäumt, auch den Weg übers Feld nach Splietau (quer zur Straße) versperrte eine Polizeikette. In dieser Kette kläfften sechs Hunde. Die Hundeführer hatten ihnen die Maulkörbe abgenommen. Viele hatten Angst vor den Hunden. Und viele wuchsen über ihre Angst hinaus. Unser Rat beschloß ein besonnenes Vorgehen. Feierlich wie eine Prozession würden wir auf die Kette zuströmen. Höflich grüßend würden wir durch die Lücken fließen. Ohne Streß und ohne Geschrei. Es fanden sich auch Freiwillige, die es auf sich nehmen wollten, die Hundeführer zu besänftigen.
Schweigend setzten wir uns in Bewegung. Wir liefen in breiter Linie aufs Feld, bis wir der Polizeikette Aug' in Auge gegenüberstanden. Dann wir gingen einfach weiter. Sobald ein Polizist die Arme hob, um einen von uns fortzustoßen oder festzuhalten, entstanden neben ihm zwei Lücken. Schwupps, schon waren zwei Leute durchgeflutscht. Wenn der Polizist dann gar diesen beiden Missetätern nachrannte, gab das eine Lücke für mindestens fünf Leute. Es war wieder einmal unglaublich leicht. Niemals zuvor sind wir derartig entspannt "durch Wände gelaufen".
Wir setzten einfach Fuß vor Fuß, langsam und unbeirrbar wie Schildkröten. Die Polizei indes glich einem aufgeregten Ameisenhaufen. Wir experimentierten mit verschiedenen Techniken. Mit Körpersprache. Immer, wenn mir ein Polizist den Weg versperrte, hielt ich ihm meine geöffneten Handflächen hin. "Ich tue Ihnen nichts. Ich will hier nur vorbei." Und das tat ich dann auch. Ein anderer aus unserer Gruppe probierte es mit Worten. Wenn ein Polizist sich ihm in den Weg drängte, begann er einfach eine Unterhaltung. Das gab den Menschen rechts und links die Möglichkeit zum Durchschlupf. Lange konnten die Uniformierten ohnehin nicht auf einer Stelle stehen bleiben. Denn dann hätten sie unversehens hinter uns gestanden. Was dann schließlich auch geschah.
Die Ratsversammlung befand, daß es gut wäre, unsere neue Stellung so lange wie möglich zu halten. Aber wer war bereit, eine ganze lange frostige Nacht auf diesem zugigen Feld auszuharren?
Inzwischen war es schwarz geworden. Die Polizei warf ihre Flutlichter an. Der Acker, auf dem wir standen, verwandelte sich in ein Stadion. Aber das Stadion leerte sich. Für viele war das Spiel bereits beendet. Keine zwei Stunden, und wir waren auf ein Häuflein von zweihundert verwegenen Frostbeulen geschrumpft.
Noch während wir uns berieten, hatte die Polizei uns eingekesselt. Die Einsatzleitung stellte uns ein Ultimatum. Alle Einheimischen hätten jetzt noch die Chance, den Kessel zu verlassen. Die Auswärtigen aber würden "in Gewahrsam genommen" werden. Wir baten die Einsatzleitung um Bedenkzeit. Demokratische Prozesse brauchen nun einmal ihre Zeit. Der hohe Herr schenkte uns drei ganze Minuten. Aber für uns von "Boskop" war ohnehin klar: Wir lassen unsere Gäste nicht im Stich. Entweder alle oder keiner!
Die Frist lief ab. Gefängnis würde eine neue Erfahrung für uns sein. Wir erwarteten unser ungewisses Schicksal. Aber es blieb still. Die angedrohte Räumung blieb aus. Auf einmal aber entstanden kleine Öffnungen in unserer Umzingelung. In Zweiertrupps schlüpften unbewaffnete(!) Polizisten herein. Sie fragten, wer bereit wäre, den Kessel zu verlassen, seine Personalien aufnehmen zu lassen und einen Platzverweis bis morgen früh zu akzeptieren. Auch die Gäste. Sofort und ohne Bedenkzeit.
Wem sollte man glauben? Dem hartzüngigen Einsatzleiter oder diesen freundlichen Stimmen? Da man uns Bedenkzeit versagt hatte, mußten wir dankend ablehnen. Aber sie kamen immer wieder. Schließlich entschlossen wir uns, den Polizisten zu glauben. Einzeln wurden wir herausgeführt und der bürokratischen Prozedur übergeben. Nach Ablauf des Platzverweises würden unsere Daten wieder gelöscht werden. Wir haben guten Grund zu glauben, daß dies nicht geschehen ist. Wahrscheinlicher ist, daß unsere Personalien an die Datei "Gewalttäter Links" weitergeleitet wurden.
Gute Nacht, ihr Lieben! Morgen sehen wir uns wieder!
Montag, 12. November 2001
Im Dannenberger Jugendzentrum gab es Frühstück für alle Menschen von WiderSetzen. Schwerer als die Marmeladenbrote lag uns die weitgehende Nichtbeachtung der Presse im Magen. Auf dem Papier war nicht viel übriggeblieben von dem, was uns so sehr auf dem Herzen lag. Was muß man eigentlich tun, um in der Öffentlichkeit beachtet zu werden?
Mit dieser und vielen anderen Fragen gingen wir zum großen Plenum. Dort hing schon eine große Karte an der Wand. Erlebnisse wurden ausgetauscht. Linien und Pfeile wurden eingezeichnet. Ängste wurden laut. Zaudern und Entschlossenheit meldeten sich zu Wort. Worte über Worte. Mühsam wühlten sich künftige Pläne aus dem Wörterberg hervor. Ein Wort aber war besonders hartnäckig. Hunde! Hunde ohne Beißkorb! Und am anderen Ende der Hundeleine hektische Beamte, die für kein einziges Wort empfänglich waren.
Die meisten Hundeführer, so die einhellige Beobachtung, waren völlig außer sich geraten. Statt ihre Tiere zu besänftigen, heizten sie ihnen noch kräftig ein. Fast können wir froh sein, daß es dabei "nur einen" von uns erwischt hat. Die Bißwunden waren so schwer, daß er im Krankenhaus behandelt werden mußte. Mittlerweile liegt ein Bericht der Sanitäter- und Ärztegruppe vor. In der EJZ vom 21.11.01 steht unter der Überschrift "Unterarm durch 40 Bisse zerfleischt" unter anderem: "Polizei und Bundesgrenzschutz haben... 114 Demonstranten verletzt, neun davon schwer. Als besorgniserregend brutal bewertet die Sanizentrale, daß 24 Demonstranten durch Hundebisse verletzt worden sind. Einem Mann wurde der Unterarm durch 40 Hundebisse zerfleischt, ein anderer wurde in der Leistengegend verletzt. Die Sanitäter kritisierten, daß... (sie) von der Polizei massiv behindert wurden. Verbandsmaterial sei gezielt vernichtet worden. Den Sanitätern sei vielfach die Weiterfahrt untersagt worden. Zudem seien Platzverweise erteilt worden. Die brutalen Übergriffe der Beamten seien vor Allem geschehen, wenn die Medien nicht dabei waren, hat die Sanizentrale beobachtet. Nur vor laufenden Kameras hätten sich die Einsatzkräfte umsichtig gegeben."
Am Abend sollte in Hitzacker eine angemeldete Demonstration stattfinden. Traditionell spielen dabei Traktoren eine wichtige symbolische Rolle. Manchmal ist die Rolle auch mehr als nur symbolisch. Der Schauplatz des Geschehens war schon voller Menschen. Auf der Bühne heizte die Musik, während immer mehr Menschen und Traktoren ankamen. Die Rede von Wolfgang Ehmke begann mit einem Apfel. "Was glaubt ihr wohl, was das ist?", fragte er und hielt die Frucht in die Runde. "Ich sag euch gleich... ein Apfel ist das nicht. Die Polizei hat herausgefunden, daß es sich hierbei um ein gefährliches Wurfgeschoß handelt. Und mit dieser Begründung hat sie vorhin bei einem Autofahrer eine Kiste solcher Geschosse beschlagnahmt."
Ein Lacher, gemischt mit Bitterkeit. Wir müssen aufpassen, daß die Bitternis nicht stärker wird als das Lachen. Dann kam die Meldung, daß eine große Anzahl von Traktoren jenseits der Gleise steht und nicht zu uns gelassen wird. Hitzacker ist eine geteilte Stadt. Die Bahngleise sind die Grenze. Alle Reisepässe sind in diesen Tagen für ungültig erklärt.
Immer mehr Menschen verließen den Platz der Reden und strömten in Richtung Bahnhof. Gruppe "Boskop" auch. Für unseren Geschmack war heute zuviel geredet worden und zuwenig getan. Immer noch dröhnten Traktoren in die Stadt hinein. "Was ist los? Wo geht ihr hin?", fragten sie uns. "Keine Ahnung. Am Bahnhof werden Kollegen von euch festgehalten." Die Traktoren starteten wieder durch. "Na, das wollen wir uns mal von Nahem besehen!"
Ratternd fuhren die schweren Schlepper in Richtung Bahnhof. Weit kamen sie nicht, denn die Straßen sind eng. Und außerdem verstopften Wasserwerfer den Verkehrsfluß. Die Bauern ließen ihre Traktoren stehen und gingen die letzten hundert Meter zu Fuß. "Strategisch Parken" nennen das manche. Der Erste hatte seine Maschine quer zur Fahrbahn abgestellt und die zweite hielt schräg dahinter. Und so weiter. Wer jetzt noch hier durch wollte, mußte sich durch ein Labyrinth aus Traktoren zwängen. Uns machte das nichts aus. Da wir keine Schilde, Helme und Schlagstöcke zu transportieren hatten, waren wir recht beweglich.
Wir erkundeten das Gelände und gewannen folgendes Bild: Diesseits der Schiene parkten Traktoren, jenseits der Schiene auch. Dazwischen eingeschlossen ein paar Wasserwerfer, eine Handvoll Polizeibusse und jede Menge Menschen. Tausend, zweitausend... ich kann das nicht zählen. Mitten auf den Gleisen stand ein Kölner Polizeipanzer. Seine Aufgabe war es, die Traktoren nicht über die "Grenze" zu lassen. Die Treckerfahrer störte das nicht. Ganz unverhofft für alle Beteiligten, hatte die Polizei eine interessante Parkmöglichkeit organisiert... Ringsumher verbreitete sich große Heiterkeit. Fast wie beim Fall der Berliner Mauer.
Luftballons stiegen auf und Schokoladen wurden geknackt. Eine Ärztin verteilte Hustenpastillen. "Zur Stärkung der Widerstandskraft. Du darfst gern ein paar mehr nehmen!" Müde vom langen Stehen, nahm Gruppe "Boskop" Platz. Gerade rechtzeitig. Es waren die letzten Sitzplätze auf der Schiene. Links neben uns hatte sich ernste Einsatzkräfte aufgepflanzt, um die Gleise diesseits des Bahnübergangs vor zivilem Ungehorsam zu schützen. Auf der anderen Seite, jenseits des Übergangs, wurde unkontrolliert gefeiert.
Es begann zu regnen. Vielleicht gibt es romantischere Orte, an denen man eine regnerische Nacht verbringen kann. Trotzdem waren wir im Augenblick nirgendwo lieber als gerade hier. Wir sangen, wir erzählten Witze, wir scherzten mit der Polizei. Neben uns auf der Schiene wurde dänisch gesprochen. Diese Sprache würde ich in den nächsten Tagen noch öfter hören.
Irgendwann knackte und räusperte sich der Lautsprecher der Polizei. „Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei. Gemäß Paragraph sowieso... Wir fordern sie deshalb unverzüglich auf... Andernfalls werden wir sie unter Zuhilfenahme von unmittelbarer Gewalt..."
Es ist immer dasselbe. Erst werden per Gerichtsbeschluß elementare Grundrechte außer Kraft gesetzt. Dann hat die Exekutivkraft freie Hand. Es lohnt der Mühe nicht, sich die heruntergeleierten Verfügungen einzuprägen. Denn jeder Einspruch ist abgewiesen, lange bevor er formuliert wird. Wenn doch nur jemand mal einen Paragraphen entwickeln würde, der es den Todesstrahlen verwehrt, aus ihren Castor-Büchsen zu entweichen!
Wir rückten enger zusammen und begannen zu singen. Keiner wußte, auf welche Art man uns räumen wollte. Sie würden es nicht leicht haben, denn über die Straßen konnten sie keine frischen Truppen heranfahren. Die Lautsprecherstimme rasselte abermals mit dem Säbel. Doch der einzige, der sich regte, war... der Regen. Er fiel und fiel und fiel.
Plötzlich tauchte ein Licht am Horizont auf. Irgendwas kam über die Gleise auf uns zu. Wir konnten kaum etwas erkennen, denn die Beine unserer Bewacher versperrten die Sicht. Auf einmal ertönten leise Kommandostimmen. Stiefel knirschten über den Schotter. Die Dunkelheit spie Polizisten aus. Wir waren umzingelt. Als unsere Blicke aus den Kapuzen krochen, stellten wir verwundert fest, daß wir fast alleine auf unserem Schienenstück hockten. Die Dänen waren noch da, wir von "Boskop", dann noch ein paar Einzelne. Zwanzig Leute vielleicht. Die anderen, die große Masse, stand lenseits des Bahnübergangs.
Immer mehr Uniformierte quollen aus dem Dunkel. Sie bauten sich zwischen uns und der großen Menschenmenge auf. Wir saßen jetzt im Rücken der Polizei, etwa auf Höhe der Einsatzleitung. Und wir fühlten uns irgendwie falsch. Leider konnten wir nicht sehen, was jenseits der Schranke geschah.
Mit den Ohren verfolgten wir, wie die Räumung ihren Anfang nahm...
... Als dann alles vorbei war, wurden auch wir auf die andere Seite getragen. Sanft setzte man uns drüben ab. Wir wußten es noch nicht. Aber wir befanden uns jetzt in einer anderen Welt.
Wenn ich "Presse" sage, denke ich dabei an eine Maschine, mit der man Früchte zerquetscht. Wir drängten uns in einer Art "Kolben". Das war die Straße nach Hitzacker hinein. Die Wände dieses Kolbens bestanden aus jeweils mehreren Reihen behelmter, stockbewehrter Männer. Der Ausgang des Kolbens verengte sich stadteinwärts, denn dort standen die Wasserwerfer. Lautsprecher, Paragraphen, Kommandos.
Der Einsatzleiter warf die Maschine an. Was dann folgte, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es verschlug uns den Atem. Es nahm uns die Luft. Mit all ihrer Kraft preßten sie uns zusammen. Tausend Menschen, vielleicht mehr, die ineinander stürzten und nicht fallen konnten. Entsetzensschreie wurden laut. Aber der Druck ließ nicht nach. Einige drückten dagegen. Aber das machte es für die Menschen, die dazwischen hingen, nur noch unerträglicher.
Natürlich, wir hätten es geschafft. In einem Wettkampf namens Kraftdrücken wären wir die Sieger geworden. Aber um welchen Preis! Schon nach den ersten Minuten ahnten wir, daß es hier buchstäblich ums Leben gehen konnte.
Da wir von der Gruppe "Boskop" als letzte geräumt worden waren, hatten wir direkten Körperkontakt mit den pressenden Einsatzkräften.
Sie arbeiteten wie die Stiere. Manch einer verlor dabei die Kontrolle über sich. "Vorwärts!", brüllte der hinter mir und stieß mir seinen Ellenbogen ins Genick. Allem Ernst zum Trotz mußte ich lachen. "Wo soll ich denn hin?" "Dann sag denen da vorn eben, sie sollen sich zum Teufel scheren!"
Nach wenigen Minuten, dem Flutlicht sei dank, sah man über der verdichteten Menge eine Dampfwolke stehen. Die Presse erzeugte Hitze. Die Regennässe aus unseren Kleidern kehrte zum Himmel zurück. Es wurde immer heißer. Bald waren wir alle in Schweiß gebadet. Und daran war nicht nur die Hitze schuld. Es war die Angst. Mal ging es ein paar Schritte vor. Bald ging es ein paar Schritte zurück. Jetzt weiß ich, was Beklemmung ist. Im Stillen hoffte und flehte ich, daß sich keine Herzkranken und Kreislaufschwachen unter uns befänden.
Es dauerte bald eine Stunde, bis die Presse ihr brutales Werk vollstreckt hatte. Auch für manche Polizisten war es eine Grenzerfahrung. Zwar hatten sie die Macht und auch das "Recht", uns Schmerzen zuzufügen. Aber zum Schluß waren wir alle im gleichen Schweiß gebadet.
Wieder ein Kapitel abgeschlossen. Wir schauten in unsere Proviantsäcke. Die Bananen waren Mus und die Erdnüsse geknackt. Wie würde es weitergehen? Und vor allem: wo?
Das Widerstandsbündnis "WiderSetzen" würde die Menschen morgen, so stand zu erwarten, in der Nähe von Gorleben zusammenrufen. Wir von "Boskop" beschlossen, uns schon heute Nacht auf den Weg zu machen. In Laase gab es eine genehmigte Mahnwache. Dort wollten wir hin. Wir fuhren auf kleinen und verschlungenen Straßen. Plötzlich ging vor uns Licht an. Ein Polizeibus, der den Weg versperrt hatte, fuhr rückwärts und ließ uns durch. Fünf Minuten später sahen wir, daß uns mehrere Autos folgten. In Laase endlich wurden wir gestoppt. Aussteigen bitte, Verkehrskontrolle! Ausweise, Kofferraum! Da wir weder Sprengstoff, Hakenkrallen, Helme, Knüppel und ähnlich bedrohliche Werkzeuge an Bord hatten, ließ man uns in Ruhe. Auch die Ausweiskontrolle ging schnell; die Daten waren schließlich schon im Speicher.
Es war 2 Uhr in der Frühe. In dem Haus, vor dem wir gehalten hatten, brannte noch Licht. An der Tür hing ein großes X unter einem Schirm. Das bedeutet hier im Wendland: Wir lassen euch nicht im Regen stehen. Kommt rein, hier gibt's ein warmes Plätzchen für euch. Womit keiner von uns gerechnet hatte: Es gab sogar warme Betten!Glücklich wie im Paradies schliefen wir ein.
Dienstag, 13. November 2000
Die Einsatzkräfte warteten auf Verstärkung. Wir vertrieben uns die Zeit mit fröhlichen Gesängen.
Tausend Menschen mit dem Wendlandpaß
saßen auf der Straße und erzählten sich was.
Da kam die Polizei: "Ja, was ist denn das?"
"Tausend Menschen mit dem Wendlandpaß!"
Die Polizei vertrieb uns die Zeit mit Belehrungen. Wir erfuhren, daß wir uns gerade an einer nicht genehmigten Sitzblockade beteiligten. Daß wir die Straße unverzüglich zu räumen hätten, anderenfalls würden sie uns...usw.... "bis hin zum Einsatz des Schlagstocks!"
Aber dieses verbale Vorzeigen der Folterinstrumente konnte uns nicht mehr schrecken. Wir hatten die Schwelle unserer Angst überschritten. Worüber uns der Einsatzleiter nicht belehrte, war, daß unser Vergehen, dessentwegen er uns mit Prügel drohte, eine simple Ordnungswidrigkeit darstellt. Vergleichbar mit Falsch Parken. Und dabei wir hatten nicht mal unsere Autos mit. Die Räumung begann im schönsten Abendrot. Das Fernsehen hat sich romantische Bilder entgehenlassen. Auch ich hab diese Bilder verpaßt. Denn "Boskop" saß in der ersten Reihe und war als erstes dran.
Es waren geradlinige Männer, die da auf uns zukamen. Sie redeten nicht lange um den heißen Brei herum. Auch trugen sie uns nicht weg. Sie verdrehten Handgelenke und Arme, notfalls würden sie uns das Genick verrenken. So führten sie uns zum Abtransport.
Bevor ich einsteigen durfte, kam die Filzung. Wenn sie bei allen so gründlich vorgehen wollten, dann würden allein die Taschenkontrollen mehrere Stunden dauern. (Ich konnte ja nicht ahnen, daß sie lediglich die ersten drei oder vier Reihen abgeräumt hatten. Dann waren ihre Kapazitäten erschöpft. Tatsächlich begann, während wir paar Leutchen aus den ersten Reihen auf unseren Abtransport warteten, auf der Castorstraße eine vielstündige Party.)
Wir mußten lange warten, ehe sich unser Bus in Bewegung setzte. Auf verschlungenen Wegen wurden wir ins Gefangenenlager, in die ehemalige Kaserne Neu Tramm, chauffiert. Im Wendland gibt es unzählige Möglichkeiten, sich zu verfahren. Der Magdeburger Fahrer nutzte sie nach Kräften.
Die Anlage in Neu Tramm stammt aus der Hitlerzeit. Dort waren die geheimen Produktionsstätten der "Wunderwaffe" V1. Ein Ort also mit historischem Ambiente. Bald würde ich ihn kennenlernen.
Die stählerne Kinnlade schob sich auf. Wir fuhren aufs Gelände. Mittlerweile war es schwarze Nacht. Neu Tramm präsentierte sich vollgestopft. Voll von grünem Blech, fahrbarem Kampfgerät und uniformierten Menschen. Eine kleine, abgeschiedene, emsige Stadt. Eine fremde Zivilisation. So müssen sich die Inkas im Lager der spanischen Conquistadoren gefühlt haben.
Vor einer erleuchteten Baracke schaltete der Fahrer den Motor aus. Wir waren da. Aber noch lange nicht am Ziel. Keiner soll glauben, es wäre leicht, Zutritt zu einem deutschen Knast zu bekommen. Noch eine Stunde lang mußten wir im Bus warten. Ausweise abgeben. Willkommen auf einer neuen Liste!
Endlich durften wir aussteigen und mal wieder frische Abendluft atmen. Frauen nach links, Männer nach rechts. Schlangestehen. Wer Eintritt ins Schlaraffenland erheischt, muß sich durch einen Berg süßen Brei`s hindurchlöffeln. Wer in den Knast will, frißt sich Formular für Formular vorwärts.
Warten. Einzeln vortreten. Gepäck ablegen. Ein weißes Quadrat auf dem Boden. Rein ins Viereck. Augen geradeaus. Die Kamera schnurrte. Wegtreten. Gepäck fassen. Zur nächsten Schlange bitte. Jetzt bekam jeder eine uniformierte Begleitperson zugewiesen. Meine Führerin durchs Labyrinth der Amtsstuben war jung und sympathisch. Obwohl sie nur bayrisch sprach, gelang es uns, einige Scherze auszutauschen. In einem Saal voller Computer wurden abermals unsere Personalien aufgenommen. Diesmal von der Kriminalpolizei. Welch ein Aufwand! Für eine Ordnungswidrigkeit. Falsch Parken ohne Kfz. Von all den Räumen, die wir noch zu passieren hatten, ist mir am deutlichsten ein Zimmer voller Umkleidekabinen in Erinnerung. Ich mußte mich entkleiden. Ein bleicher Herr mit dunklen Ringen um den Augen hatte die Aufgabe, Unterwäsche und Strümpfe nach gefährlichen Gegenständen abzutasten. Kein Job, um den ich ihn beneidet hätte... Inzwischen war mindestens eine Stunde vergangen.
Wir trafen ein am Vollstreckungsort der massenhaften Ingewahrsamnahmen zwecks Vereitelung weiterer Ordnungswidrigkeiten und Straftaten. Eine Stahltür, sie quietschte und öffnete sich. Wie im Film! Zusammen mit drei Freunden von "Boskop" trat ich ein.
Normalerweise muß man weit reisen, um solche Bilder zu Gesicht zu bekommen. Nach Lateinamerika. Oder in ein rumänisches Elendsquartier. Der Raum sah aus wie eine Werkhalle. Grauer Steinfußboden. Von der niedrigen Decke blätterte in großen Lappen die Farbe. Mein erster Gedanke war: Eine trostlose Landschaft, über die grauer Nebel wabert. Erst mit dem zweiten Blick erfaßte ich, woher all das Grau kam. Auf dem Boden lagen, dicht an dicht, graue Bündel. Langsam dämmerte mir, daß das... Menschen waren. Männer. Wie die Sardinen nebeneinander gestapelt und in graue Militärdecken gehüllt.
Unrasiert und zerzaust waren sie alle. Ich sah graue Haare und feurige Frisuren, neben kahlen Häuptern ruhten Lockenköpfe, Zopfträger und pomadige Scheitel. Männer jeden Alters und aus allen sozialen Schichten. Weit hinten in der Ecke wurde dänisch gesprochen, zwanzig Meter weiter vorn tschechisch. Neben jedem Lager dampften schwere Wanderschuhe. Kaum einer von uns hatte in den letzten Tagen die Möglichkeit gehabt, sich zu waschen. Zudem sind Kraut- und Bohnensuppen ein Grundnahrungsmittel aller Castortage. Man sagt immer, daß es im Gefängnis gesiebte Luft gibt. Doch trotz der vielen Siebe an den Fenstern, war die Luft in dieser Großraumzelle ziemlich dick. Wir erwischten die letzten freien Plätze. Unsere Nachbarn lagen seit 26 Stunden hier. Wir wurden "eingewiesen" und wir tauschten unsere Geschichten aus. Ein älterer Herr hatte ein Miniradio mit Kopfhörern dabei. Jede Stunde stand er auf und verkündete die neuesten Castor- Nachrichten. So verging die Zeit. Ich zählte 33 Fenster und 42 Neonröhren.
Jemand hatte vor Stunden die Gefangenen gezählt und war auf 120 gekommen. Aber seither waren sicher noch 30 Neue dazugestoßen (worden). Zwei Insassen hatten eine Zeitung in kleine Schnipsel zerrissen und puzzelten sie nun wieder zusammen. Seit zehn Stunden waren sie am Werk.
Irgendwann quietschte die Tür, und es gab Essen. Ein Käsebrot, einen sauren Apfel, einen süßen Schokoriegel. Pfefferminztee aus dem Kübel. Für jeden, der einen Pappbecher abbekommen hatte. Allerdings war es ratsam, nicht zuviel zu trinken. Denn es gab natürlich keine Toiletten in der Gefangenenhalle. Wer mal mußte, hatte sich erst einmal im Schlangestehen und in Geduld zu üben. Fünf Einsatzkräfte der Nachtschicht waren abkommandiert, uns Häftlinge nach draußen aufs Klo zu führen. Und die Schlangen waren lang. Aber nicht nur für uns - auch für den Gefängnis-Apparat selbst ist Ausscheidung ein wichtiger Prozeß. Ein System kann nicht immer nur fressen und verschlingen...
Mittwoch, 14. November 2000
Irgendwann in der späten Nacht begannen die Entlassungen. Jede Stunde einmal flog die schwere Stahltür auf und vier oder fünf Namen wurden in den Saal gebrüllt. "Los,los! Raus mit euch!" Verschlafene Gestalten schälten sich aus ihren Decken und verabschiedeten sich. "Stopp Castor, Freunde. Bis zum nächsten Mal!"
Es war zwei Uhr morgens, als Herr Fröhlich, ein molliger und weitgereister Kämpfer, für die erste Magenverstimmungen sorgte. Wieder flog die Tür auf. "Fröhlich! Raus mit dir! Deine Zeit ist um!" Fröhlich grinste. "Gern, Herr Wachtmeister. Aber nur, wenn meine Freunde hier mit rausdürfen!" Der Wachtmeister knallte verwirrt die Tür wieder zu. Fröhlich wickelte sich wieder in seine Decke. Und abermals sprang die Türe auf. "Fröhlich, ich fordere Sie zu zweiten Male auf, den Saal zu verlassen!" Der Angesprochene hob den Kopf. "Und ich antworte zum zweiten Mal: Nicht ohne meine Freunde. Entweder alle oder keiner!" Es dauerte zehn Minuten, bis sich die Stahltür wieder bewegte. Drei mit Stöcken bewaffnete Polizisten kamen im Laufschritt zu Fröhlichs Lager und umzingelten ihn. Spätestens jetzt war auch der letzte Schläfer wach. Gespannte Stille. Die Polizisten hatten die Hand am Knüppel. "Fröhlich! Dies ist die dritte Aufforderung. Verlassen sie den Raum! Wenn Sie nicht Folge leisten..."
"... dann wird der ganze Saal hier geräumt!", brüllte ein Witzbold dazwischen. Johlender Applaus donnerte durch die Halle. Begleitet von lautem Lachen und Pfeifen zogen sich die Ordnungskräfte zurück. Dieser Fall schien für alle neu zu sein. Ein Rat wurde einberufen. Fröhlichs Idee wurde diskutiert. Es fanden sich viele bereit, seinem Beispiel zu folgen. Als eine Stunde später wieder Namen zur Entlassung ausgerufen wurden, da herrschte zunächst Schweigen.
"Den kennen wir nicht!", rief einer der Gerufenen. Und ein anderer: "Wieso denn? Der ist doch schon vor zwei Stunden gegangen!" Das roch nach Anarchie. Das war undurchsichtiger, als es die Polizei erlaubt. Als die Tür das nächste Mal aufsprang, kam ein sogenannter Konfliktmanager herein. Der hörte sich das Problem an und zuckte mit den Schultern. Immerhin brachte er es fertig, einer Gruppe von "Gorleben-Anwälten" Zutritt zu verschaffen. Wieder wurden Listen geschrieben. Aber auch die Anwälte konnten im Fall "Darmverschluß" nicht helfen. Der zuständige Richter sei nicht vor acht Uhr morgens zu erwarten. Und jetzt war es noch nicht mal drei.
Die restlichen Knast-Ereignisse habe ich verschlafen. Irgendwann wurde die Tür aufgerissen. "So, Herrschaften! Der Castor ist drin. Und ihr könnt raus. Ich rufe auf, in alphabetischer Reihenfolge..." Die Ausscheidungsprozedur war ähnlich aufwendig wie die Einverleibung.
Wieder an der frischen Luft. Man hat uns im Knast nicht geschlagen. Wir hatten, jedenfalls symbolisch, etwas zu Essen. Sie waren nicht freundlich zu uns, aber korrekt. Wir haben die demütigenden Umstände mit Humor zu ertragen. Wir hatten viel zu lachen. (Sogenannter Galgenhumor. Zeichnet sich durch bitteren Nachgeschmack aus.) Wir waren in ehrbarer Gesellschaft.
Das darf aber nicht über die nackten Tatsachen hinwegtäuschen. Man hat versucht, uns einen kriminellen Stempel aufzudrücken. Mein Sachverstand sagt, wir leben in einer Demokratie. Mein Gefühl sagt, daß uns nur ein schmaler Graben von der Diktatur trennt.
Die Castortage sind nicht die schönsten, aber die intensivsten im ganzen Jahr. Mit jeder Extremsituation, in die wir gestoßen werden, verlieren wir etwas von unserer Angst. Unser Mut wächst. Manch einem wachsen Flügel.
Unbeschrieben und unsichtbar geblieben sind in diesem Bericht die vielen hundert Menschen im Hintergrund, die sich um Kinder, Gäste, Telefone, Strukturen, Klopapier, Paragraphen, Essen, Betten, Gebete, Autos, Mut, Musik.... gekümmert haben und ohne die unser Wirken im Vordergrund undenkbar gewesen wäre. Ich verneige mich vor den guten unsichtbaren Kräften.
Den Atom-Gewinnlern geht's ums Geld. Am effektivsten stoppt man den Castor, indem man keinen Atomstrom mehr kauft. "Stromwechsel" ist kinderleicht. Sauberer Strom kostet zwar ein paar Mark im Monat mehr. Aber er kostet uns nicht das Leben.
Informationen dazu kriegt man zum Beispiel bei „Greenpeace energy“ (040-280579-0) oder bei den „Elektrizitätswerken Schönau“ (Tel. 07673-8885-0).
Ihr Lieben, ich danke für eure lange Aufmerksamkeit. Vielleicht sehen wir uns bald wieder. Dann erzählt ihr mir eine Geschichte von euch. Und ich höre zu.
Viele herzliche Grüße!
P.S.: Es ist ausdrücklich erlaubt, diesen Brief weiterzugeben und zu vervielfältigen.
- Jens Magerl -
