Der Trecker stoppt. Ich schreie den Polizisten von meinem Kühler entgegen: „50 Meter, ich halte die 50 Meter ein!“ Sofort wird die Situation etwas ruhiger. Ich stelle den Motor ab und steige vom Bock. Sofort sagt der Polizist: „Sie kommen jetzt mit!“ Ich protestiere. Zu Dritt gehen sie auf mich los und bringen mich zu Fall und versuchen , meine Hände auf den Rücken zu ziehen. Sie schaffen es nicht und treten mein Gesicht ins Gras. Ich rieche die kühle Erde, sie beruhigt mich. Sie biegen meine Unterschenkel nach hinten und forderte mich weiterhin auf, meine Hände auf den Rücken zu legen. Um das Ganze zu beenden, tue ich es schließlich. Sie werden mit Handschellen zusammengezurrt, das Metall schneidet ins Fleisch der Handgelenke. Wie ein nasser Sack werde ich aufgerichtet und zum nächsten Bully geführt. Ich sehe, wie auch Kollegen von ihrem Trecker geholt werden. Ich werde durchsucht, meine Habseligkeiten und der Ausweis werden konfisziert. Nachdem ich versichert habe, daß ich mitspielen werde, werden meine Fesseln gelöst. Das schriftliche Protokoll meiner Sachen scheint Schwierigkeiten zu machen. Der ganze Vorgang wird gefilmt, zu meiner Sicherheit, wie man mich wissen läßt.
Schließlich werden mein „Betreuer“ und ich vor dem Bully mit einer Sofortbildkamera abgelichtet. Zur Beweissicherung, wie es heißt.
Ich werfe einen Blick zurück auf unsere Trecker. Mehrere Polizisten machen sich an ihren Rädern zu schaffen. Plötzlich ertönt anschwellend ein breitflächiges Zischen. Die Luft entweicht aus den Treckerreifen. Da stehen sie nun in breiter Front, unsere lahmgelegten Symbole bäuerlichen Widerstandes und werfen in der Abendsonne lange Schatten.
Ich werde in den Bully gebeten, und umgeben von vier Beamten auf einen Parkplatz vor den Friedhof von Splitau gefahren. Meine Häscher stammen allesamt aus Erfurt, wovon ihr Autokennzeichen, aber auch ihr ausgeprägtes Thüringisch zeugen. Auf diesem Parkplatz werden wir Gefangenen Zeugen deutsch-babylonischer Sprachs- und Mentalitätskonfrontation. Die Thüringer sollen uns an die Oberfranken aus Bamberg übergeben, während das „Gefkawee“ (Gefangenen-KWM) von Niedersachsen gefahren wird. Es geht teilweise heftig zur Sache, allgegenwärtiges Kopfschütteln über das Umgehen der jeweils anderen Fraktion mit den „.Aservaten-Tüten“ der Gefangenen. (Damit sind die Plastiktüten mit unseren beschlagnahmten Habseligkeiten gemeint.) Dreifaches Bestandsprotokoll , oder nur Aufklebe-Nummer, das ist hier die Frage. Der Niedersachse im „Gefkawee“ wird langsam fuchsig und droht an: „Wenn das hier so weiter geht, laß ich sie sowieso gleich laufen.“ Und zwischendurch immer wieder die Ermahnung für die einzelnen Beamten, ja nicht die ihm zugeteilte Person (das sind wir) aus den Augen zu lassen. Wir stehen mit ca. zehn Bauern dazwischen, mit Plastikfesseln gesichert, teils amüsiert, teils genervt, und vor allem frierend, sehnlich den Einlaß in das hoffentlich geheizte „Gefkawee“ erwartend.
Nach etwa einer dreiviertel Stunde hat sich die gesamtdeutsche Polizistenschaft geeinigt und unser Transport im „Gefkawee“, eingeklemmt zu Dritt in kleine, muffig-warme Abteile, durchs nächtliche Wendland zur GeSa (Gefangenen-Sammelstelle) in Neu-Tramm beginnt. Die prächtig erleuchteten Fenster des Restaurants „Landrostei“ huschten vorbei, wir können gerade noch erkennen, daß auch in diesen bewegten Zeiten Menschen gemütlich beim dinieren sind, als lebten sie in einer anderen Welt und alles ginge sie nichts an.
Dann langen wir auch schon am Ziel an, welches durch Flutlicht taghell erleuchtet wird. „Mein Polizist“, ein netter Junge,- der vor allem dadurch auffällt, daß sein Jünglingsflaum auf der Oberlippe ansatzweise in der Kaiser-Wilhelm-Manier geschwungen drappiert ist-, schleußt mich durch die verschiedenen Stationen der Aufnahme der GeSa, die da sind: Durchsuchung, Aufklärung über meinen Status und meine Rechte, Fototermin und ein freies Telefonat mit Ziel meiner Wahl.
Dann wird die schwere Eisentür des eigentlichen Gewahrsamssaales geöffnet, ich hinein geschoben. Hinter mir fällt die Tür mit einem großen Rums, gefolgt von einem kleinen Schnapper des vorgeschobenen Riegels ins Schloß, -ein Geräusch, welches mich während meines Aufenthaltes hier mit unterschiedlichen Gefühlen begleiten wird. Als ich mich umsehe, durchzuckt mich der Gedanke: So hast du dir deine Ankunft in der Hölle vorgestellt. Denn lautes Johlen empfängt mich in dem riesigen, hundert Quadratmeter großen, in grelles Neonlicht getauchten Saal, Gejohle von Freunden und Kollegen, die schon da sind im Kreise der Verfemten und sich besonders freuen über meine Ankunft, da sie mich ja nun am wenigsten erwartet hätten, was von meiner Seite auch durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Das Inventar des Saales ist ein undichter Wassertopf mit Pappbecher gegen Durst, und jede Menge Iso-Matten und Wolldecken. Die Luft ist erfüllt vom Brummen von großen Lüftungsturbinen, die den Staub der trockenen, verbrauchten Luft in der Schwebe halten.
„Hallo Wolle, hock Dich neben mich, hier ist noch eine Iso-Matte frei“, ruft ein Bekannter und ich folge der Aufforderung. Ich habe von hier aus die Eingangstür im Blick, durch die regelmäßig neue Verwahrte hereingeschoben werden, gefolgt von dem akustischen Doppelschlag „Rums-Klack“. Es ist sehr interessant, die Gesichter der Neuankömmlinge zu beobachten. Manche spiegeln blankes Entsetzen wieder, manche sind betont cool, wieder andere scheinen etwas amüsiert zu sein. Ich habe jetzt Zeit, die Belegschaft genauer zu inspizieren. Gleich in der Ecke, an der Tür, liegen wir Bauern- und Traktorentäter. Ein Stückchen weiter, ersichtlich durch ihre zum Trocknen aufgehängten Regenkombis mit Aufdruck, lagern die Greepeace-Aktivisten, die sich mit Ketten an die Eisenbahnbrücke über die Jeetzel gehängt hatten. Wieder ein Stück weiter, an einer gelblich getünchten Wand, eine Punkergruppe.
Besonders fällt mir unter ihnen eine Art Dreifaltigkeit auf, die dort eine Stunde lang in unveränderter Position an der Wand lehnt. Der Erste, mit gelb-rot-grünem Haarschopf, streicht die ganze Zeit mit der Hand an einer geflochtenen Schnur entlang, als ob er Rosenkranz betet. Der Zweite, ein kleines Bürschchen, hat seine weiße Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen und starrt verkniffen vor sich hin. Der Dritte, üppig gepierct an Lippe und Nase, hat seine Augen hinter riesigen, undurchdringlichen, schwarzen Brillengläsern verborgen. Sein Mund scheint ein überlegenes Lächeln zu zeigen, durch die unsichtbaren Augen ist der Betrachter aber verunsichert über seinen Gemütszustand. Schließlich gibt es noch eine Gruppe anscheinend französischer junger Leute, und zwischen allen Gruppen liegen auch mehr oder weniger isolierte „Verwahrte“.
Alle in diesem Saal haben als Status gemeinsam, daß sie nicht als Straftäter inhaftiert werden, sondern als Gefahr für die öffentliche Sicherheit (des Castortransportes) angesehen und deshalb in „Gewahrsam genommen“ werden, bis sie nicht mehr gefährlich werden können, d. h. der Castortransport vorbei ist. Genauso, wie regelmäßig neue Verwahrte hineinkommen, so werden auch dauernd Personen mit lauten Rufen aufgefordert, ihre Sachen zu nehmen und herauszukommen. Es besteht also Hoffnung.
Einmal heißt es: „Essen fassen“, und ein Karton mit Broten, Äpfeln und Süßigkeiten wird hereinkatapultiert. Alle stürzen hin, aber jeder bekommt etwas ab. Ich stehe mitten im Saal, streiche mir mit der Hand über die Augen. Die ganze Situation hat etwas alptraumhaftes, surreales an sich.
Ich beschließe, einen Schlafversuch zu unternehmen, es ist schließlich bald Mitternacht. Aber das grelle Licht und das laute Summen verhindert ein zur Ruhe kommen. Ich sinniere darüber, daß ich mich trotz der gräßlichen Umgebung eigentlich nicht unwohl fühle. Es muß wohl am Beisammensein mit diesen Menschen liegen. So unterschiedlich sie auch sein mögen, so eint sie doch der relativ entschiedene Einsatz für eine, auch für die zukünftigen Generationen gefahrlosere Welt. So liegt eine Aura der Gelassenheit, des Überzeugtseins von dem eigenen Tun, in der Luft. Gegen 2°°Uhr verstummen die Namensrufe für die Freizulassenen. Mein Name war nicht dabei, außer einem sind alle Bauern entlassen. So muß ich auch die zweite Nachthälfte in der Ge-Sa verbringen. Der Körper erkämpft sich ein paar Stunden bleiernden Schlafes, bis der trübe Morgen durch die vergitterte Fensterreihe scheint. Es dauert noch bis 10 °° Uhr , bis ein Richter feststellt, daß ich vielleicht doch nicht so gefährlich bin und deshalb entlassen werden muß.
So stehe ich dann mit meinem Bündel im kalten Ostwind vor der GeSa in Neu-Tramm und muß mich in den begonnenen Tag hineinfinden.
- Wolfgang Eisenberg -