Foto: W. Lowin
Als Anwohnerinnen der CASTOR-Strecke beobachten und ertragen wir die Castor-Transporte nach Gorleben. Gleich welche Strecke der Castor von Dannenberg aus nimmt, bei uns in Laase muß er immer vorbei.
Von Beginn an hat es eine Widerstandsgruppe im Dorf gegen die Transporte gegeben. Zuerst waren es wenige, die aus Sorge für das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder und wegen der berechtigten Einwände gegen die vermeintliche Sicherheit des Salzstocks als Wirtsgestein protestiert haben. Die Transporte im Jahr 2001 führten zur Gründung der Castorgruppe Laase-Grippel-Pretzeetze, die jetzt 20 aktive Teilnehmerinnen und zahlreiche SympathisantInnen hat. Es sind ja nicht nur die 5 "heißen" Tage bis der Castor "drin" ist, für uns in Laase bedeutet es, das Telefon wird abgehört etwa vierzehn Tage vorher, die Polizei späht uns aus, verfolgt sämtliche "Bewegungen" von Haus zu Haus. Unsere Kinder schlafen schlecht, wenn die Hubschrauber nachts die Räume ausleuchten und Beamte in unseren Gärten unterwegs sind oder auf der Pferdeweide mit der Taschenlampe leuchten. Auf dem Schulweg zählen die Kinder vom Bus aus die Polizeiwagen, bei 65 bis Dannenberg hören sie auf.
Wir spüren deutlich in diesen Tagen, daß unsere Grundrechte vom Datum abhängig sind. Wir dürfen nicht einfach "einreisen" nach Laase, auch wenn die betreffende Frau mit ihrem Personalausweis nachweisen kann, daß sie in Laase wohnt. Beim Castortransport 2001 fahren die Beamten mit VW-Bullys durch das Dorf, deren Fenster geschwärzt sind, sie fotografieren und filmen uns, sie stehen vor der Haustür, sie reiten um das Dorf zwei Stunden lang, sie parken auf jedem Weg. 2002 griff Reimes "Deeskalationsstrategie" insofern, daß die Beamten in zivilen Fahrzeugen kamen mit einem X im Fahrzeug. Allerdings war das Ausspähen dasselbe und wenn eine Anwohnerin aus Laase im Auto verfolgt wird, als sie ihre Tochter zur Schule fahrt, ist es egal, ob das Fahrzeug "zivil" aussieht oder grün. Wir lesen in der Zeitung, daß der "gewaltbereite Kern der Demonstranten gewachsen ist" und sehen auf unserer Dorfstraße Hunderte von Demonstrantinnen auf dem Weg zur Mahnwache, zum Schlafquartier, zum Sprecherlnnenrat und zur Volxküche. Gewaltbereit, weil sie bereit sind, auf der Straße zu sitzen?
Am Sonntag, der Castor ist noch in La Hague, sollen die Dörfer-Neugründungen an der Transportstrecke geräumt werden, nur Gottesdienste und Brauchtum können nicht so ohne weiteres aufgelöst werden. Von außen sind 2002 wenige Demonstrantinnen angereist, wir sind keine Massenbewegung, aber eine qualifizierte Minderheit und bislang ist es uns gelungen, die ungelöste Frage nach der sicheren Endlagerung des Atommülls wieder und wieder ins Gedächtnis zu rufen. In Laase, 4 km von Gorleben entfernt, können wir nicht resignieren, denn unsere Häuser können wir nicht einpacken und umziehen und wohin auch? Allerdings fällt es schwer, gelassen zu bleiben, wenn durch die Polizei in den Medien die Nachricht verbreitet wird, bei Laase hätten Demonstranten den Deich unterhöhlt. In unserer Region, die im Sommer durch die Elbeflut bedroht war, ist so eine so eine Meldung ein Rufmord und eine Lüge dazu, die aber später nicht korrigiert wird.
Es ist Dienstag, der 12. November, wir bereiten uns auf zwei schlaflose Nächte vor, in denen Hamburger Grüne die Mahnwache halten und die Volxküche rund um die Uhr kocht und Mahlzeiten gegen geringe Selbstbeteiligung (schnetzeln, abwaschen usw) verteilt. AnwohnerInnen bringen immer wieder Nahrungsmittel, alle werden satt. In der letzten Nacht sind es bis zu tausend Menschen, die auf die Straße gehen und sich vorher im Dorf gestärkt haben. Sie haben in unseren Scheunen, in Garagen und im Tagungshaus einen Platz gefunden, die Sanis haben eine Scheune für sich, es gibt sogar Seelen-Sanis für Fragen jeder Art. Wo ist der gewaltbereite Kern? Drei Stunden sitzen die DemonstrantInnen auf der Straße, nachdem sie am Rand des Ackers auf die Straße gelangt sind, dann werden sie sechs Stunden gekesselt mitten auf dem Acker bis der Castor durch ist und im Anschluß daran noch eine halbe Stunde. Sie sehen die zwölf Container, die Kolonne, die mit begleitenden LKWs fast einen Kilometer lang ist und 1.300 t Atommüll enthält, auf der Straße nach Gorleben fahren. Als sie frei gelassen werden, strömen sie zurück ins Dorf. Von den plötzlich alle durch Laase fahrenden Polizei-Bullis, (bestimmt 80 heimreisende Magdeburger Einheiten) läßt sich wirklich niemand provozieren, obwohl die auf drei Spuren auf unserer Dorfstraße unterwegs sind. Von wem geht hier die Gewalt aus?
Auf der Pressekonferenz ist die Rede von 967 Ingewahrsamnahmen, 702 müssen wir davon abrechnen, das waren die Personalienfeststellungen auf dem Feld in Laase! Verletzt sind drei Beamte, aber 80 Demonstrantinnen.
Während ich diese Zeilen schreibe, wird die Forderung der EU bekannt, Gorleben als "europäisches Endlager" festzuschreiben. Plötzlich ist wieder die Rede von der Gefährlichkeit der Atommülllagerung, die in den Medien schon während der beiden letzten Transporte überhaupt nicht mehr erwähnt wurde ("dummer, regionaler Widerstand"). Stattdessen wurde uns als Handlungsmotiv das Floriansprinzip unterstellt. Als diesbezüglichen journalistischen Höhepunkt empfanden wir den Vergleich der Debatte um den Standort des Endlagers mit dem Standort eines Asylbewerberheims, das heißt Asylbewerber sind dem Atommüll gleichzusetzen. Dieser gedankenlose Journalismus begleitet uns, seit dem der schwarze Block nicht mehr antritt und der Castorzug nicht mehr rückwärts fährt, sondern der Widerstand im Landkreis auf sich gestellt ist und mit etwa 5000 Menschen immerhin die Kräfte von 18.000 Polizeibeamten bindet.
Foto: M. Pauschert
Wenn es, wie geschehen, möglich ist, daß ein Demonstrant auf den Castorzug springt und die Notbremse zieht, fragen wir uns, ob die Steuergelder für die Bewachung des Transports sinnvoll verwendet werden und wie die Polizei in Zukunft terroristische Akte während dieser langen europaweiten Transporte verhindern will. In Laase wissen wir nicht, wie die Form des Widerstands aussehen wird, wenn die Bundesrepublik auf die Forderungen der EU eingeht.
Wir können nicht einfach umziehen, aber wir können wachsen - im Widerstand.
Ilse Brandt, Gisela Cremer, Christine Giebl u. Thomas Pfeiffer, Gisela u. Dieter Lechner, Christiane u. Klaus Leist, Margarete Pauschert, Mara u. Ludger Perpeet, Leony Renk, Kerstin Rudek u. Christoph Rudek-Cremoni, Rita u. Peter Rütz, Sigrid u. Detlef Schulze, Wolfgang u. Gundi Zipoll