oder wie die Wendländer die Allgemeinverfügung »ad absurdum« führten
Foto: T. Seffers
Beginnen wir mit der Allgemeinverfügung: Von der Bezirksregierung Lüneburg ausgesprochen, verbietet sie Bürgern das Betreten der Straßen und der Gleise bereits Tage vor dem Castortransport. Einzuhalten ist außerdem ein Abstand von 50 Metern beidseits der Strecke, an diversen Stellen von 500 Metern. Das Verbot greift, sobald sich der Bürger versammelt, also sich in Gesellschaft mindestens eines weiteren Mitbürgers befindet. Ziel ist der reibungslose Castortransport durch den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Verfügung stützt sich auf eine an den Haaren herbeigezogenen und verleumderischen Gefahrenprognose und macht es extrem schwierig, Protest zeitnah und ortsnah zum Geschehen auszudrücken. Man erinnere sich, daß beim Castortransport im November 2001 die Polizei nicht davor zurück schreckte, beißende Hunde und tretende Pferde gegen gewaltfreie Sitzblockierer einzusetzen. Dies geschah Tage vor dem tatsächlichen Transport, also nicht um den Transport, sondern die Allgemeinverfügung durchzusetzen. Sie beschneidet gleich mehrere Grundrechte und führt zu äußersten Zumutungen für die Anwohner der Castortransportstrecke. Mag sein, daß deswegen die Idee «Das Wendland wird ver-rückt« bei den Castorgruppen Wendland auf viel Widerhall gestoßen ist. Als gemeinsamer Spaß gedacht, bevor es ernst wird, haben Gruppen unabhängig voneinander Orte an der Transportstrecke ausfindig gemacht, an denen sie ein neues Dorf gründen wollten. Dabei sind die witzigsten Ideen und groteske Situationen entstanden. Das Versammlungsverbot läßt Nischen übrig, die erkannt und genutzt wurden. Entscheidend für den Erfolg war allerdings die Willenskraft und Entschiedenheit der Beteiligten. Denn an jedem der neugegründeten Orte versuchte die Polizei die sogenannte Versammlung aufzulösen. Am Beispiel von Neu-Saggrotan möchte ich erzählen, wie das dort ausgesehen hat.
Neu-Saggrotan
Foto: T. Seffers
Ausgesponnen und vorbereitet wurde Neu-Saggrotan von der Castorgruppe Südkreis. Für die Gründung stellte uns Bauer Zipoll aus Grippel ein Baugrundstück auf der Straßenseite gegenüber seines Hof zur Verfügung. Von dort aus wollten wir uns dem Brauchtum des sonntäglichen Straßekehrens widmen. Nach der Überschwemmung durch das Sommerhochwasser hatte diese es vor einem Ereignis, welches soviel Menschen und Medien in den Landkreis zieht, gewiß nötig..... Sonntags gegen 11 Uhr fahren wir als Konvoi von rund 50 Autos gemeinsam von Clenze los. Ein herrliches Gefühl! Am Ort ist bereits das Herzstück von Neu-Saggrotan, der Bühnenwagen von Mister X aufgebaut, wir werden mit Klezmermusik empfangen. Doch haben wir kaum Zeit richtig anzukommen, da spricht ein Polizeibeamter per Megaphon seine Auffassung zu unserer noch nicht einmal begonnen Aktion aus - wir wären eine verbotene Versammlung und sollten uns in Richtung .... fortbewegen. Räumungsandrohung Nr. 1 Niemand denkt daran, der Aufforderung nachzukommen. Stattdessen tun wir, was wir uns vorgenommen haben - die Straße kehren und, was natürlich auch dazu gehört, mit Nachbarn klönen. Damit es so richtig Spaß macht, gibt es von Willems Bühnenwagen abwechslungsreiches Kulturprogramm. Obwohl sich unser Anwalt die allergrößte Mühe gibt, den Polizeieinsatzleiter zur Vernunft zu bewegen, hat dieser kein Einsehen. Eine Stunde später spricht er die dritte Räumungsandrohung aus, mit den abschließenden Worten »das wollen und werden wir nichtzulassen«. Zum Glück ist Bauer Zipoll kein Mensch, der sich einschüchtern läßt. Er lädt uns kurzentschlossen ein, auf seinen Hof zu kommen und ein Fest zu feiern. Also wechselt der Großteil der Menschen die Straßenseite.
Foto: W. Lowin
Das Kulturprogramm geht lustig weiter mit Claus dem Geiger und den Gorlebensingers, die sich spontan eingefunden haben. Die Stimmung ist prima. Nicht so bei der Polizei. Der Einsatzleiter ist immer noch der Meinung, das Versammlungsverbot würde beschädigt und spricht weiterhin Räumungsandrohungen aus. Beobachtungen nach ist er vollkommen nervös und meint lächerlich gemacht zu werden. Bei Polizeiaufforderung Nr. 3 naht die Rettung. Willem gibt vom Bühnenwagen aus bekannt, daß uns der Nachbar von Bauer Zipoll in seine Scheune zu einer kulturellen Veranstaltung eingeladen hat. Geht dem Einsatzleiter an dieser Stelle ein Licht auf oder platzt ihm nur der Kragen? Wir bleiben wo wir sind, das ist inzwischen überall, d. h. auf beiden Grundstücken und auch die Straße wird zwischendurch mal zum Seilspringen gebraucht. Wir warten nämlich auf die Pastorin aus Laase, die einen Gottesdienst mit uns feiern möchte. Als sie mit dem Gottesdienst beginnt, versuchte die Polizei zu provozieren, zu rangeln, sich auf das Grundstück zu drängeln.
Empört ist die Pastorin, als die Polizei in ihren Gottesdienst hinein eine Räumungsaufforderung ausspricht. «So etwas sei ihr selbst in Berlin noch nicht passiert« äußert sie dazu. Die Situation fühlt sich brenzlig an, die Psalmen die sie betet, gehen unter die Haut und es ist auch etwas Besonders, mit der Polizeigewalt im Nacken gemeinsam »We shall overcome« zu singen. Seltsamerweise werden wir anschließend endlich nicht mehr gestört. Die Polizei beschränkt sich darauf, den Verkehr zu regeln.
Am Ende hat das Lachen gesiegt! Wir haben uns unseren Boden, auf dem wir unseren Protest sichtbar machen wollen, zurückerobert! Wenn wir auch den Castortransport nicht auf diese Weise direkt verhindern können, so hat uns allen der Dörfertag viel Kraft für unseren gemeinsamen Widerstand gegeben.
Magdalene Seffers-Michalski