Gemeinsam mit Menschen hier aus Wustrow und Umgebung in einer Bezugsgruppe habe ich meinen Protest gegen den Atommüll an verschiedenen Plätzen auf und entlang der Transportstrecke gezeigt. Die WiderSetzen-Aktion in Hitzacker, mit der Einladung zum Kaffeetrinken,(denn eine Einladung zum Kaffeetrinken kann nicht verboten werden), hat uns angesprochen. Um auch gut nach Hitzacker durchzukommen haben wir, Doro, Frank, Sabine, Sandra und ich, uns entschieden schon nach dem letzten Vorbereitungstreffen der Widersetzenaktion in Platenlaase abends uns aufzumachen. Zwölf Familien in Hitzacker hatten eingeladen zum Kaffee! Wenn der Castor nicht gestoppt werden würde, könnte er schon morgens um 4. 00 Uhr Lüneburg erreichen. Das wäre dann der Zeitpunkt, an dem wir und viele Andere uns aufmachen würden zu unserem Aktionsort in Hitzacker auf den Schienen. Tee und Kaffee trinkenderweise hatten wir viel Zeit, uns noch ein wenig vertrauter miteinander zu machen und uns auszutauschen, wer wie weit gehen würde? Ob nach der dritten Polizeiaufforderung sitzenbleiben und sich in Polizeigewahrsam bringen zu lassen? Auch sind so Einige noch dazugestoßen. Doro hat uns fleißig mit Infos und Stand des Castors auf dem Laufendem gehalten.
Foto: W. Lowin
Durch die Aktionen, die an verschiedenen Orten den Castor aufgehalten hatten, mußten wir dann nicht nachts auf die Schiene, sondern sind bei bestem Novemberwetter, nach langem Warten am Mittwoch gegen 13.00 Uhr aufgebrochen. Auf abenteuerlichen Wegen, über Wiesen, unter einer Brücke her, sind wir bis zu der Polizeikette vor den Schienen gekommen. Vereinzelt sind einige kurz durch die Polizeikette, es fehlte aber an mehr Entschlossenen. Wie gerne wäre ich mit unserem Protest auf die Schiene gekommen - doch ist es nicht genauso wichtig, im Protest präsent zu sein?
Wenn die Polizisten uns aggressiv mit ihren Knüppeln zurückdrängten, war es gut innezuhalten und zu singen, um dann einen weitern Versuch zu starten, sobald die Stimmung nicht mehr so aggressiv war. Nachdem wir an diesem Ort keine Chance gesehen haben auf die Gleise zu kommen, sind wir mit einer weiteren Bezugsgruppe zu einem anderen Schienenstrang gezogen. Von einer ortskundigen Frau bekamen wir die Erlaubnis, über ein Privatgrundstück zu gehen, von wo aus wir direkt zu den Schienen könnten.Nur ein steiler Hang, der uns von den Schienen trennte, wo auch nur wenige Polizisten zu sehen waren. Wie kommen wir zu einer schnellen Entscheidung? Ein Aktivist aus einer anderen Gruppe schlug uns vor, sie würden versuchen die Polizei auf sich zu lenken, damit wir schnell auf die Schiene kommen. Schon auf halben Wege den Bahnhang runter wird uns Gewalt angedroht, für den Fall, daß wir noch einen Schritt weiter gehen würden. Als ich direkt vor den Polizisten stehe, ist die Agressivität und Härte ein bißchen aufgeweicht. Eigentlich würde ein Sprung genügen und wir wären auf den Schienen! Eine Viertelstunde später sehen wir, wie der Castorzug vorbeirollt. Mir ist klar, dass die Polizei ihre Gewaltandrohung wahr gemacht hätte. Uns fehlte die Medienpräsenz an dieser Stelle, damit die Polizei uns nicht gleich mit Gewalt begegnet.
Mit Beginn der Dunkelheit gehen wir wieder zu unserer Gastgeberfamilie. Einige entschließen sich erst einmal nach Hause zu fahren. Gemeinsam mit Doro,Frank und Arne fahre ich weiter nach Laase, wo wir uns an der Aktion von X-1000-Quer beteiligen wollen.
Mein Traum von einem Teller Suppe, schlafen und erst mit Beginn des Tages die Aktion zu starten, bewahrheitet sich nur halb. Frank bringt die Nachricht vom SprecherInnenrat, das es schon bald losgehen wird. Schön, dass Elisabeth und Wolf noch zu unserer Gruppe dazu gestoßen sind.
Nach der Strategie »5 Finger an einer Hand« (die Gruppen sind den Fingern zugeordnet, welche sich dann vor der Polizeikette auseinanderziehen können) wollen wir versuchen, die Polizeikette zu überwinden und auf die Transportstrecke zu kommen. Über einen völlig aufgeweichten Acker laufen wir halbkreismäßig um Laase herum, um zur Transportstrecke zu kommen. Mir erscheint es zunächst nicht so einfach, durch die Kette von Polizisten, die uns immer wieder mit ihren Schlagstöcken zurückdrängen, zu kommen. Im Gewühl bekomme ich einen Fußtritt von einem Polizisten am Oberschenkel ab. Dadurch, dass wir so viele sind, können wir die Polizeikette immer wieder ein bißchen auseinanderziehen und es gelingt uns dann doch, die Polizeikette hinter uns zu lassen. Hartnäckig versucht mich ein Polizist mit seinem Schlagstock zurückzudrängen, bis sein Kollege ihn auf die Schulter fasst und sagt:« Das nützt nichts mehr, sie sind durch.«
Wieder das Erlebnis einer großen Blockade! Mit ungefähr siebenhundert Menschen sind wir in der Nacht vor dem Castortransport in Laase präsent. Während der Blockade durch die Nacht tut es immer wieder gut, gemeinsam zu singen. Die Räumung von so vielen Menschen zieht sich viele Stunden hin, und im Polizeikessel treffen wir dann alle MitblockiererInnen wieder, die auch nach der dritten Aufforderung noch sitzen geblieben sind.
Foto: T. Voigt
Als Lillie auf ihrem Saxophon:«We shall overcome« spielt, kommen mir die Tränen So viele Kriege, so viele Menschen auf der Flucht, so viele Abschiebungen....und der Atommüll rollt vor meinen Augen ein zweites Mal während dieses Transportes unwiderruflich vorbei.
Doch wir waren präsent im Widerstand gegen den Atommüll! Unser Widerstand ist nicht abgebröckelt und wir werden beim nächstem Atommülltransport wieder da sein!
Marie Dinkgrefe