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Zum ersten Male beim Castor-Transport



Foto: T. Seffers

Da ich mit meiner Familie erst kürzlich ins Wendland gezogen bin, nahmen wir zum ersten Mal am Widerstand gegen den Castor-Transport teil. Es war für uns beeindruckend zu erleben, dass dieser Widerstand wirklich der Widerstand der hiesigen Bevölkerung ist. Es begann am Freitag, den 8.11. mit der Schüler-Demo in Lüchow. Mein Sohn (15 Jahre) nahm daran teil. An diesem Tag war in seiner Klasse kein Unterricht möglich, da nur ca. sechs Schüler nicht zur Demo gingen.

In den Castor-Tagen rückte das Wendland zusammen. Symbolisch durch neue Ortsgründungen entlang der Castorstrecke, am Sonntag den 10. November, vorbereitet durch die verschiedenen örtlichen Castorgruppen. Wir als Neue lasen davon schon Wochen vorher in der örtlichen Zeitung und gingen zu den Vorbereitungstreffen.


Foto: W. Lowin

Dort kannten wir niemand. Aber siehe da, am nächsten Elternabend entpuppten sich einige Widerständler als Eltern von Klassenkameraden meines Sohnes . Am Sonntag dann in Neu-Saggrotan hatte ich weitere Aha-Erlebnisse. Da traf ich Lehrer aus der Schule, eine Sprechstundenhilfe des Arztes, die Frau aus dem Kindergottesdienst.... In Neu-Saggrotan sollte alles »strahlend sauber« sein. Viele rückten mit Feudel und Besen an und fegten fleißig die Straße, während die Polizei versuchte, die verbotene Versammlung aufzulösen. Es gab einiges Katz-und Mausspiel mit der Polizei, bis eine Pastorin kam und einen Gottesdienst abhielt. Sie wurde sehr ungehalten, als die Polizei ihren Gottesdienst störte. Von da an war Ruhe und das lustige »Kulturprogramm« konnte endlich ungehindert stattfinden.

Tag X gab es Einladungen zum Kaffeetrinken in Hitzacker; zwölf Privatadressen, bei denen die Widerständler sich trafen, um gemeinsam die Schienen zu besetzen. An unserer »Kaffeeadresse« bildeten wir Kleingruppen. Wir wollten absolut gewaltfrei sein und wie das Wasser durch alle Poren dringen, da wo wir auf Polizeiwiderstand treffen würden, uns auffächern, verteilen, Polizeiketten auseinanderziehen und durchschlüpfen. Alle zogen auf verschiedenen Wegen los, von den anderen »Kaffeepunkten« ebenso. Wir kamen auf allen Wegen und sogar über Privatgrundstücke, durch Gärten auf die Schienen zu. Wo wir aufgehalten wurden, blieben wir stehen und banden so ja auch Polizisten. Die vorgerückten Absperrungen mussten von der Polizei aufgegeben werden, sie wurden zurück zu den Schienen beordert. Wir gingen einfach hinterher. Etwa fünfzig bis hundert Personen gelang es, auf die Schienen zu kommen.


Foto: W.Lowin

Sie wurden weggetragen und auf einer freien Fläche eingkesselt. Wir standen schließlich vier Meter von den Schienen entfernt auf einer Straße, die parallel dazu verläuft. Vor uns die Polizeikette. Die Polizisten sahen aus wie mittelalterliche Ritter in ihren Helmen, mit ihren Schilden, Beinschutz, Kettenhemd, etc. So erwarteten wir alle den Castor-Zug, der mehrere Stunden auf sich warten ließ. Man traf Bekannte und unterhielt sich, einige Demonstranten versuchten penetrant Gespräche mit den Polizisten zu führen, die sich mehr und mehr darauf einließen. Nachdem der Zug durch war, zogen alle ab, Demonstranten wie Polizei. Verstopfte Straßen, alle wollten nach Hause. Am nächsten Morgen kamen wir zu spät, die Castoren hatten das Zwischenlager schon erreicht. In Gedelitz bei der Abschlußkundgebung war frustrierte Stimmung. Vorbeifahrenden Polizeikolonnen wurde nicht Platz gemacht. »Brennstäbe kann man nicht essen!« »Nehmt doch die Castoren mit, dann lassen wir euch auch durch!« »Frechheit, einfach den Müll bei uns abzukippen und dann nach Hause zu fahren!«

Die Polizei errichtet eine Straßensperre. Jochen Stay, der Kopf von X-tausend wird von Polizeibeamten zusammengeschlagen. Die Kundgebung fällt aus. Ich weiß von einigen Bekannten des Landkreises, daß sie gar nicht mehr zu den Demonstrationen gehen, weil sie so aggressiv werden, dass sie sich gar nicht mehr unter Kontrolle haben. Andere haben den Schlagstock schon so sehr zu spüren bekommen, dass sie nicht mehr blockieren. Große Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit.

Was die Situation auflockert ist Musik, Kreativität, Phantasie, Straßentheater. Sofort entspannen sich alle, Demonstranten und Polizisten. Es ist beeindruckend, wieviel Ideen und Phantasie die Widerständler hier schon entwickelt haben. So sollte es auch weitergehen!

Silke Raguse

Klaus der Geiger und andere Musiker machen Stimmung
Foto: T. Seffers

 

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